Eine der wichtigsten Disziplinen eines Landschaftsfotografen – Ausdauer und Geduld. Aus der Sicht eines professionellen Landschaftsfotografen ist die ganze Geschichte eher unspektakulär, da es für uns (in diesem Fall für mich) völlig selbstverständlich erscheint stundenlang auf das passende Licht – den richtigen Moment zu warten. Neulich war ich mal wieder unterwegs, ich hörte am Vorabend im Radio „Föhnlage am Alpenrand mit 18° bis 20° und Hochnebel“ und das im Spätherbst gegen Ende Oktober. Da klingelten natürlich die Alarmglocken! Da muss ich hin, da muss ich anwesend sein, das kann nur gut werden – wenn nicht sogar spektakulär.

Mein Motiv hatte ich bereits vor Augen, bevor ich überhaupt meine Sachen gepackt habe und los gefahren bin. Reine Anfahrtszeit waren 2 Stunden und 15 Minuten für 220km. Um alles Dingfest zu machen habe ich vorher noch mit meiner Smartphone App den Sonnenaufgang abgefragt um die Abfahrtszeit festzulegen. Wo die Sonne dort aufgeht wusste ich, da ich schon öfter an dieser Location war. Somit stand fest – Abfahrt 4:30 Uhr um eine Stunde vor Sonnenaufgang vor Ort die Kamera aufzubauen. Die Fahrt zum Sylvenstein verlief dann relativ planmäßig, der dichte Nebel auf der Autobahn hatte mich zeitlich ein wenig zurück geworfen. Das war aber nicht so schlimm denn ich hatte ja einen Puffer von etwas mehr als einer Stunde eingeplant.

Als ich dann langsam meinem Ziel näher kam traute ich meinen Augen nicht – der Himmel war glasklar, unzählige Sterne waren am Himmel zu sehen! Ich dachte mir nur eins: JACKPOT jetzt nur noch ein paar Nebelfelder über dem Sylvensteinspeicher und ich habe gewonnen. Also voller Vorfreude weiter, sind ja nur noch 40km bis zum Zielort aber wie es nun mal so ist kommt es meistens etwas anders als man denkt… Kurz vorm Ziel fuhr ich in eine wahnsinnig dichte Nebelsuppe, ich dachte mir noch immer: Okay, etwas viel Nebel. Aber ich wollte ja Nebel über dem Stausee, also alles gut. Am Ziel angekommen habe ich mich kurz umgezogen und warm eingepackt, der nasskalte Nebel zieht nämlich ordentlich an der eigenen Körperwärme und ich hatte echt keine Lust auf Frieren und dann ging es auch schon los. Hirnbirn (Stirnlampe) an und rein in den Wald, was habe ich gesehen? Nichts – alles war weiß! Das Licht war viel zu grell und der Nebel zu dicht, sodass ich im Endeffekt nur eine weiße Wand vor mir hatte. Also kurzer Prozess, Lampe aus und im Dunkeln weiter… Je länger man sich im Dunkeln ohne Lampe bewegt, umso mehr gewöhnt sich das Auge daran und dann sieht man auch im Dunkeln recht gut. OK, man sieht nicht wirklich alles aber es reicht – zumindest mir. Nachdem ich meinen kurzen, holprigen und rutschigen Aufstieg durch das Waldstück hinter mir hatte stand ich an meiner Location, es war der Steilhang am Sylvensteinspeicher. Von dort aus hat man einen traumhaften Ausblick auf die Berge, den Stausee mit seiner Brücke, und man ist relativNebelwand hoch oben um im Idealfall über der Nebeldecke zu sein. Als ich aber da war sah ich nix, null Komma null minuss 500! Außer einer grauen Wand war nichts zu erkennen! NebelwandMein erster Gedanke – bitte nicht schon wieder… das hatten wir doch schon oft genug, sollte ich meinen Plan vielleicht doch über den Haufen werfen und rasch wo anders hin?! Ich hätte ja noch ein paar Locations die auch funktionieren (Sonnenstand usw.) aber ich blieb eisern und sagte mir NEIN ich bin jetzt hier und ich gehe volles Risiko ein. Wenn es dumm läuft stehe ich jetzt die nächsten 5 Stunden im Nebel, oder aber es reißt auf und ich habe ich das Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

So saß ich da, auf einem dieser Lawinenhölzer die dort im Hang fest verankert sind und wartete und wartete und wartete. Mittlerweile waren schon zwei Stunden vergangen, die ich im dichten Nebel verbracht habe. Ab und zu Sylvensteinspeicher-Nebelkonnte man die Bäume im näheren Umfeld von etwa 10-15 Meter erkennen und zumindest die Kamera halbwegs ausrichten und positionieren. Kurz nachdem ich die Kamera justiert hatte traute ich meinen Augen nicht, innerhalb von Sekunden verschwand die dichte Nebeldecke – ich hatte eine glasklare Sicht auf die gegenüberliegenden Berge! Unfassbar! Aber es passte nicht, die untere Nebelschicht direkt über dem See war noch so hoch und dicht, dass man nichts erkennen konnte. „So ein Mist“ hat man da natürlich im Kopf während man bettelnd in die Landschaft schaut und hofft das sich der restliche Nebel auch noch verzieht. Tja – hoffen kann man ja, aber ich hatte natürlich das große Los gezogen das es noch schlimmer kam – ein Schwall von rechts und alles war wieder dicht! Ganz fein… das kann doch jetzt echt nicht wahr sein?! Ist es aber und daran kann und werde ich auch nichts ändern können. So ist das nun mal in der Natur – es ist wie es ist und wenn es nicht sein soll, dann soll es eben nicht so sein. Oft genug habe ich solche Situationen schon erlebt und über die Jahre hinweg gelernt damit umzugehen. Es macht keinen Sinn sich über das Wetter aufzuregen oder deshalb schlechte Laune zu haben. Es wird schon seinen Grund haben, warum es gerade jetzt so ist wie es ist.

Wie ich eben schon sagte, ich weiß damit umzugehen und mir die oftmals langen Wartezeiten sinnvoll zu vertreiben. Also harrte ich weiter aus, dort oben auf dem Lawinenholz. Der Blick auf die Uhr sagte mir 9:15 Uhr, die Sonne ist also schon längst über den Horizont gekrochen und ist auf dem Weg bald über die Berge zu spitzen. Dann kann es ja nicht mehr lange dauern denn das kräftige Sonnenlicht presst den Nebel aus dem Kessel, in dem Sylvensteinspeicher-Nebelich mich gerade befinde. Kurz darauf war es dann auch so weit, durch den dichten Nebel konnte ich die Sonne wunderbar beobachten wie sie langsam über den Berg kam. Meine Blicke schweiften von der
Sonne hinab ins Tal und wieder zurück und das permanent, um den Moment nicht zu verpassen wenn sich der Nebel löst. Alles im Blick, alles im Griff ich bin bereit – waren meine Gedanken! Plötzlich sah ich durch den Nebel die Brücke, dann die Brückenpfeiler und immer mehr und mehr… JA der Nebel löste sich, und das in einem Tempo mit dem man wirklich nicht gerechnet hätte. Das ganze Schauspiel dauerte nicht länger als drei oder vier Minuten und der Kessel war vom dichten Nebel befreit! Dieses kleine Zeitfenster konnte ich natürlich voll ausnutzen und auskosten da ich ja über vier Stunden auf genau diesen Moment gewartet habe. Das Resultat ist eine Aufnahme die man eben so nicht alle Tage zu Gesicht bekommt – und das freut mich ungemein! Denn genau SO wie es ist, so habe ich es mir vorgestellt und gewünscht – und ich hab es!

Für Außenstehende oder nicht ganz so ambitionierte Fotografen hat man in deren Augen oft nicht alle Tassen im Schrank wenn man stundenlang an einer Location ist und auf das Licht wartet, das man sich wünscht damit das Resultat so aussieht wie man es im Kopf hatte – bevor man überhaupt los gefahren ist. Ich habe kein Problem damit Stunden über Stunden an einem Ort zu verweilen um den passenden Moment abzuwarten. Manchmal hat man Glück und manchmal eben nicht, nichts kommt so wie man es plant – das Wetter lässt sich nun mal nicht beeinflussen – und das ist auch gut so! Es gehört eben immer eine ordentliche Portion Glück dazu!

Liebe Grüße, Christian